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Rechtsakt über fortgeschrittene Werkstoffe: Chancen nutzen, Risiken vermeiden

Mit dem geplanten Rechtsakt über fortgeschrittene Werkstoffe (Advanced Materials Act) will die Europäische Kommission einen kohärenten europäischen Rahmen für die Entwicklung, Produktion und Anwendung innovativer Materialien schaffen. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu stärken, Innovationszyklen zu verkürzen und Abhängigkeiten von kritischen Rohstoffen zu reduzieren. Fortgeschrittene Werkstoffe können damit einen wichtigen Beitrag zur grünen und digitalen Transformation Europas leisten.

Der Verband der öffentlichen Wirtschaft und Gemeinwirtschaft Österreichs (VÖWG) und der Verband kommunaler Unternehmen Österreichs (VKÖ) begrüßen diese Initiative grundsätzlich. Entscheidend für den Erfolg wird jedoch sein, dass Innovation von Beginn an mit hohen Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsstandards verknüpft wird und die besonderen Anforderungen der Daseinsvorsorge systematisch berücksichtigt werden.

Daseinsvorsorge und Gemeinwohl mitdenken

Fortgeschrittene Werkstoffe kommen zunehmend in kritischen Infrastrukturen zum Einsatz – etwa in der Energie- und Wasserversorgung, in der Abfall- und Abwasserwirtschaft oder im öffentlichen Verkehr. Ihre Wirkung entfaltet sich oft über Jahrzehnte. Umso wichtiger ist es, dass Sicherheit, Zuverlässigkeit, Reparierbarkeit und langfristige Verfügbarkeit zentrale Kriterien bei Entwicklung und Einsatz neuer Materialien sind.

Öffentliche und kommunale Akteure müssen dabei gleichberechtigt eingebunden werden. Kommunale Unternehmen verfügen über wertvolle Praxiserfahrung, sind jedoch in Forschungs- und Förderprogrammen häufig strukturell benachteiligt. Der Rechtsakt sollte daher sicherstellen, dass öffentliche Betreiber auch als Anwender, Testpartner und Innovationsakteure berücksichtigt werden.

Kreislaufwirtschaft von Anfang an integrieren

Damit fortgeschrittene Werkstoffe tatsächlich zur Nachhaltigkeit beitragen, muss Kreislaufwirtschaft bereits in der Entwicklungsphase mitgedacht werden. Design-for-Recycling, Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Schadstofffreiheit sollten integrale Bestandteile der Innovationsförderung sein. Andernfalls drohen neue Entsorgungsprobleme und zusätzliche Belastungen bestehender Abfall- und Recyclingsysteme.

Besonders wichtig ist die Kompatibilität neuer Materialien mit bestehenden kommunalen Infrastrukturen. Abfall- und Abwassersysteme sind auf stabile Stoffströme ausgelegt. Neue Materialien dürfen diese nicht überfordern oder zu unverhältnismäßigen Mehrkosten führen, die letztlich von der Allgemeinheit getragen werden müssten.

Verursacherprinzip konsequent anwenden

Ein zentrales Anliegen von VÖWG und VKÖ ist die konsequente Umsetzung des Verursacherprinzips. Kosten und Risiken, die durch Umweltauswirkungen, Rückbau oder Entsorgung fortgeschrittener Werkstoffe entstehen, dürfen nicht auf Bürger:innen oder öffentliche Haushalte abgewälzt werden. Jene Akteure, die Materialien in Verkehr bringen und wirtschaftlich davon profitieren, müssen auch Verantwortung für die Folgekosten übernehmen.

Eine umfassende Lebenszyklusbetrachtung ist daher unerlässlich, um Umwelt- und Gesundheitsrisiken frühzeitig zu erkennen und Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Öffentliche Beschaffung und praxistaugliche Regulierung

Öffentliche Beschaffung kann eine Schlüsselrolle beim Markthochlauf fortgeschrittener Werkstoffe spielen. Als Ankerkunden können öffentliche Auftraggeber innovative und nachhaltige Materialien aus der Nische in den Markt bringen. Voraussetzung dafür sind jedoch rechtssichere, praxistaugliche und EU-weit harmonisierte Beschaffungskriterien.

Gleichzeitig braucht es klare Governance-Strukturen, einheitliche Definitionen und digitale, koordinierte Verfahren. Vereinfachung darf nicht mit einer Absenkung von Umwelt- oder Sicherheitsstandards gleichgesetzt werden. Richtig ausgestaltet kann der Rechtsakt Innovation fördern, ohne neue Belastungen für Bürger:innen und öffentliche Haushalte zu schaffen – und gleichzeitig Gemeinwohl, Umwelt- und Gesundheitsschutz wirksam sichern.