Mit der Initiative „Wassersektor – Beschleunigung der Digitalisierung für eine bessere Bewirtschaftung und Nachhaltigkeit“ will die Europäische Kommission digitale Lösungen in der Wasserwirtschaft stärker vorantreiben. Der geplante digitale Aktionsplan ist Teil der Europäischen Wasserresilienzstrategie und soll unter anderem den Einsatz von Daten, Sensorik, Smart Metering, KI-Anwendungen und interoperablen digitalen Strukturen fördern.
Der Verband der öffentlichen Wirtschaft und Gemeinwirtschaft Österreichs (VÖWG) begrüßt den gezielten Einsatz digitaler Lösungen dort, wo sie einen konkreten Beitrag zu Versorgungssicherheit, Qualitätssicherung, Ressourceneffizienz und betrieblicher Leistungsfähigkeit leisten. Entscheidend ist jedoch, dass Digitalisierung nicht als Selbstzweck verstanden wird. Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung sind zentrale Leistungen der Daseinsvorsorge und Teil kritischer Infrastruktur. Ihre Sicherheit, Leistbarkeit und kontinuierliche Verfügbarkeit müssen daher Vorrang vor pauschalen Digitalisierungszielen oder kurzfristigen Technologietrends haben.
Digitalisierung als Unterstützung der Daseinsvorsorge
Digitale Anwendungen können öffentliche Wasser- und Abwasserunternehmen bereits heute in vielen Bereichen unterstützen – etwa bei der Überwachung der Wasserqualität, in der Instandhaltung, bei der Verbrauchserfassung, in Geoinformationssystemen oder bei der Zustandsbewertung von Anlagen. Sie können Abläufe effizienter machen, Daten besser nutzbar machen und Investitionsentscheidungen fundierter vorbereiten.Gleichzeitig muss ihr Einsatz immer an den Kernaufgaben der Daseinsvorsorge gemessen werden. Bewährte und robuste Systeme dürfen nicht vorschnell ersetzt werden, nur weil neue Technologien verfügbar sind. Digitalisierung muss die Handlungsfähigkeit öffentlicher Betreiber stärken und darf keine neuen Abhängigkeiten von proprietären Systemen, externen Plattformen oder kurzfristigen digitalen Geschäftsmodellen schaffen.
Cybersicherheit und Datenhoheit sichern
Da die Wasserversorgung zur kritischen Infrastruktur zählt, müssen digitale Lösungen besonders hohen Sicherheitsanforderungen entsprechen. Jede zusätzliche Vernetzung, jedes IoT-Gerät und jede neue Schnittstelle kann potenzielle Angriffsflächen erhöhen. Sensible Daten über Wasserinfrastrukturen dürfen daher nicht unkontrolliert verfügbar gemacht werden. Der VÖWG spricht sich für ein klares „Need-to-know“-Prinzip aus: Datenzugang und Datenteilung müssen zweckgebunden, verhältnismäßig, sicher und nachvollziehbar erfolgen. Datenhoheit und Sicherheitsverantwortung müssen bei den öffentlichen Betreibern bleiben.
Chancen nutzen, Risiken begrenzen
Smart Meter, Sensorik, KI-Anwendungen, digitale Zwillinge und Erdbeobachtung können wichtige Chancen eröffnen, etwa bei Leckageerkennung, Verbrauchstransparenz, Monitoring, Reporting oder Prognosen. Sie können Fachpersonal unterstützen und helfen, Wasserressourcen effizienter zu bewirtschaften. Gleichzeitig braucht es klare Grenzen. Datenschutz, Cybersicherheit, Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und menschliche Plausibilitätskontrolle müssen gewährleistet bleiben. Digitale Systeme dürfen lokale Expertise, betriebliche Erfahrung und robuste Notfallstrukturen nicht ersetzen.
Praxistaugliche Rahmenbedingungen statt pauschaler Pflichten
Ein europäischer Aktionsplan kann Mehrwert schaffen, wenn er Rechtssicherheit, interoperable Standards, klare Leitlinien und Fördermöglichkeiten bietet. Dabei müssen die unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten der Wasserwirtschaft berücksichtigt werden. Topografie, Infrastruktur, Unternehmensgrößen und klimatische Herausforderungen unterscheiden sich erheblich. Aus Sicht des VÖWG sollte die EU daher auf Ermöglichung statt Verpflichtung setzen. Digitalisierung kann die öffentliche Wasserwirtschaft effizienter, resilienter und zukunftsfähiger machen – vorausgesetzt, sie wird sicherheitsorientiert, gemeinwohlorientiert und praxisnah ausgestaltet. Sie muss ein Instrument zur Stärkung der Daseinsvorsorge bleiben und darf nicht zum Selbstzweck werden.